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Lebenswanderweg

Ich packe meinen Lebenskoffer. Die Erfahrung hat mir gezeigt, dass ein Rucksack leichter zu tragen ist als ein Koffer, also denke ich nach und nehme lieber einen Rucksack. Viele nützliche Dinge müssen mit. Ein Vollzeit-Job und ein eigener Haushalt zum Beispiel. Die wiegen schon ziemlich viel, aber ich kann noch ganz gut ausschreiten damit, ich habe genug Kraft dafür.

Am Boden des Rucksacks haben sich allerdings im Laufe der Jahre ein paar andere Gewichte angesammelt. Psychische Verletzungen, menschliche Enttäuschungen. Sie wiegen auch ganz schön, aber ich bin ja darauf trainiert, sie zu tragen. Jeder hat diesen Bodensatz und niemand kann ihn auspacken.

Und dann, ganz oben, packe ich noch ein paar Sachen hinein, die mir Freude machen. Nach der Pflicht die Kür. Meine Hobbies, meine Freunde und ein bisschen Familie. Das bedeutet zwar mehr Gewicht, aber eher in dem Sinne wie Wegzehrung und Getränke: Man muss sie erst einmal tragen, um dann gelegentlich aus ihnen Kraft schöpfen zu können.

Ich besehe mir meinen Rucksack. Er hat jetzt so etwa 20 kg. Nicht leicht. Nicht unmäßig schwer. Machbar, auch über längere Strecken. Ich schnalle mir meinen Rucksack auf den Rücken und gehe los. Heiter setze ich Fuß vor Fuß, den Blick auf den Horizont gerichtet. Ich könnte jetzt zurückblicken und schauen, wie weit ich mich schon von Ausgangspunkt entfernt habe, aber das ist nicht meine Art. Der Horizont ist es, der meinen Blick auf sich zieht und fesselt.

Manchmal gehe ich durch ziemlich düstere Täler und muss mich ziemlich anstrengen, meinen Blick auf den nächsten Berg zu richten und Hänge zu erklimmen. Und es bedarf der Umsicht und weiterer Anstrengung, oben zu bleiben, in der dünneren Luft, wachsam zu bleiben um nicht durch einen unbedachten Fehltritt wieder im Tal zu landen. Was natürlich trotzdem gelegentlich passiert. Aber ich rapple mich immer wieder auf und suche ohne Hast den Weg zurück nach oben.

Andere Lebenswanderer begegnen mir. Viele kreuzen nur kurz meinen Weg, man tauscht einen freundlichen Gruß und ein paar Worte, das war´s. Andere gehen eine ganze Weile neben mir her. Manche darunter tragen klaglos schwerere Rucksäcke als ich und ich bewundere sie lächelnd. Andere mühen sich mit unhandlichen Koffern ohne Griff ab. Meine gutgemeinten Ratschläge, Riemen daran zu befestigen um ihre Lebenslasten besser in den Griff zu bekommen, werden aggressiv als Besserwisserei abgewehrt. Ich zucke die Schultern und lasse sie hinter mir. Einige Wanderer an Rande regen sich darüber auf, dass ich diesen Menschen nicht helfe. Ich sage ihnen, dass sie selbst helfen sollen, statt sich über mich aufzuregen, wenn sie dieser Meinung sind. In meinen Augen verdient jemand, der sich selbst nicht helfen will, meine Hilfe nicht.

Manche balancieren ihre Koffer gefährlich auf ausgestreckten Armen vor sich her, beeindrucken zunächst durch ihre Akrobatik und bitten dann um Hilfe. Ein paar Mal falle ich darauf herein und trage die Lasten mit, auch wenn es eigentlich über meine Kräfte geht. Ich trage schon 20 kg. Weitere 20 kg halte ich nicht lange aus. Manchmal merke ich dann, dass diese Menschen keine Akrobaten sind, die nur kurz Hilfe brauchen, sondern Menschen, die sich selbst nicht ausreichend anstrengen wollen. Lebenskünstler nennt man so etwas, denke ich.

Man kann aber nun einmal keinen Weg gehen, ohne sich anzustrengen. Schon gar nicht den Weg des Lebens. Also lasse ich deren Lasten fallen und wende mich ab, damit nicht am Ende ich es bin, die fällt. Ich habe Kraft, aber sie ist begrenzt. Und wenn ich falle, ist niemandem geholfen. Die Zurückgelassenen schimpfen natürlich, aber schon drei Schritte weiter sind sie nur noch Vergangenheit. Mein Blick gilt dem Horizont.

Bei ein paar Menschen halte ich inne und versuche, beim Befestigen der Riemen zur Hand zu gehen oder sogar die Lasten zu entrümpeln und in einen Rucksack umzupacken. Das mache ich gern. Ich helfe auch gern mal ein bisschen deren Koffer oder Rucksack zu tragen, bis diese sich von dem vorherigen, umständlichen Herumzotteln so weit erholt haben, dass sie ihn wieder allein tragen können. Es freut mich, wenn sie dann ihren eigenen Rucksack nehmen und den Blick weg von ihrer Last auf den Horizont richten und in einen neuen Sonnenaufgang lächeln. Mit ein bisschen Glück kann ich gerade mit diesen Menschen immer mal wieder ein Stück des Weges gemeinsam gehen.

Im Moment gehe ich auf einem Höhenweg und der Horizont ist weit. Über mir linsen die Wolken meiner Träume um glitzernde Berggipfel herum und zwinkern mir zu. Ich genieße meine eigene, heitere Gelassenheit und visiere den nächsten Berggipfel an. Nicht den höchsten. Einfach den nächsten. Er ist noch ein ganzes Stück weit entfernt. Vorerst muss ich es schaffen, eine ganze Weile auf dem Höhenweg zu bleiben, mir weiterhin der Täler an den Seiten bewusst zu sein, um nicht nachlässig zu werden. Und weiter zu gehen. Weiter. Immer mit einem Lächeln in den Augen für den nächsten Sonnenaufgang.

17.12.06 15:15
 


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bisher 4 Kommentar(e)     TrackBack-URL


crippled-plaything / Website (17.12.06 16:41)
Was für ein schöner Text. Gefällt mir total gut und enthält viel Wahres.

Lieben Gruß,
crippled-plaything


marina (17.12.06 18:37)
ich hab dich bei mir heute mit diesem beitrag verewigt, besser kann man es wohl nicht ausdrücken :-)
Das trifft so ziemlich den Nagel auf den Kopf und ist einfach schön geschrieben.
schönen Advent
marina


Gabi / Website (18.12.06 17:58)
Süsse, Süsse - so besinnlich hab ich dich ja lange nicht mehr erlebt. Toller Text - und schön, dass es ein Höhenweg ist, auf den du deine Füsse setzt und nicht die dunkle Talsohle *lächel*
Liebe Grüße&bis ganz bald!


Liam Dang (20.12.06 11:34)
Hey die Story ist total klasse! Sehr sehr schön in Methaper geschrieben und ich habe ja eine vorliebe dafür.Auch passt es sehr gut zum Ende des Jahres hin.Ich werd mir die Story mal speichern,natürlich falls du nichts dagegen hast.Auch werde ich schoen auf dich verweisen.

Aber ich wollte dir auch noch schoene Weihnachten und ein schoenes neues Jahr wuenschen! Auch möchte ich dir für deine netten konstruktiven Kommentare bedanken. Danke vielmals fürs Helfen beim Anbringen der Riemen.
Alles Gute und frohe Wanderschaft!

Liam Dang

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